Martin Kesting | Austerlitz

Texte von Lenka Kesting



Fotos aus dem Haus von Frau H. nahe Austerlitz (Mähren, Tschechien). Aufgenommen am Tag ihrer Beerdigung im November 2015. Objekte und Scans aus ihrem Nachlass. Texte aus einem Roman von L. Alles montiert auf Teile alter Werkstattschränke, gefunden in der Nähe des Hauses von Frau H. Auf den Feldern von Austerlitz.


Photos taken at the house of Mrs. H. near Austerlitz (Moravia, Czech Republic). Taken at the day of her funeral in November 2015. Objects and scans from her estate. Texts taken from a novel of L. Everything mounted on parts of an old workshop, found near the house of Mrs. H. In the fields of Austerlitz.


Ein alter Holzblock auf der Erde. Vor dem Holzblock steht eine alte Frau. Die Frau hat eine Axt in der rechten Hand. Die Augen in ihrem geschrumpften Gesicht voller Falten konzentrieren sich auf das lebendige Geschöpf in ihrer linken Hand. Das Geschöpf gibt kurze, aufeinanderfolgende Geräusche von sich. Es schlägt unrhythmisch mit den Flügeln. Die Oma drückt mit dem Knie den sich bewegenden Körper des Hahnes. Sie presst den Hals des Hahnes auf die Fläche des Holzblocks. Eine schnelle, präzise Bewegung ihrer rechten Hand. Der Kopf des Hahnes fliegt auf die Erde. Der Körper des Hahnes wird langsam still. Die konzentrierten Augen der Oma entspannen sich. Die Augen des Hahnes schauen ins Leere. Das Auge hinter der Tür ist voller Panik und Aufregung. Die heiße Luft wird immer süßer. Der Geruch des Blutes reizt die Fliegen. Sie bewegen sich immer rascher und verrückter. Das summende Geräusch wird immer lauter. Die Oma bemerkt das Auge hinter der Tür.

Komm rein, mein Mädchen, es ist schon vorbei.“

Das Mädchen zögert, dann macht sie die Tür weit auf. Eine Weile Stille. Dann bricht ihre leise, vorwurfsvolle, zitternde Stimme die Stille.

Es hat ihm weh getan. Und es hatte schreckliche Angst.“

Tränen der Erleichterung laufen die Wangen des Mädchens hinunter. Die Oma hält immer noch den Hahn in ihrer Hand. Das Blut tropft aus dem Hals herunter. Es bilden sich kleine Blutpfützen.

Du darfst dabei nie weinen. Wenn du weinst oder Mitleid zeigst, ist es den Tieren schwierig zu sterben, weißt du?“


Lenka Kesting, Auszug aus „Ich sehe was, was du nicht siehst“


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