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Ausstellung vom  16.2. – 23.2.2013 im Kunstquartier Bethanien Studio 1, Mariannenplatz 2, 10997 Berlin

Programm im Rahmen der Ausstellung:

about time, ein Gespräch über Zeiterfahrungen am 21.02.2013 um 19 Uhr
about art, ein Gespräch mit den Fotografen und Fotografinnen am 23.02.2013 um18 Uhr
Zeit-Ort, ein Lese-, Lausch- und Lebensbereich für unsere Gäste. Auf Zeit. Während der ganzen Ausstellung.

Teilnehmer_innen

Andrea Brehme, Jan Großer, Anna Homburg, Johannes Meyer, Werner Meyer zu Ermgassen, Rainer Menke, Patricia Milch, Loredana Mondora, Erika Mor, Konstanze Müller-Kitti, Barbara Töpper-Fennel und Susanne Wolkenhauer. Leitung: Thomas Michalak

Link

Webseite zur Ausstellung …

Der Katalog

Einführung

Das Konzept zum Projektkurs ‚Zeitkonzepte, Zeiterfahrung, Fotografie‘ habe ich im zweiten Drittel eines einjährigen Asienaufenthaltes an einem indischen Strand geschrieben. Gut angekommen in einer langen Auszeit. Im ‚Flow‘. So nennen die Glücksforscher den Zustand bedürfnisloser Gegenwärtigkeit und Konzentration. Die Tage waren einfach: Ein paar Stunden schreiben, lesen, essen, spazieren gehen und die Welt betrachten. Kein Zuviel und kein Zuwenig. Einfach gut.

Zeit haben, im Fluss leben, wenig an Dinge gebunden sein, Beziehungen aufnehmen und wieder ablegen können, das ist tatsächlich Luxus. Schlafen, wenn ich müde bin, lesen, fotografieren, schreiben, wenn der Geist sich beschäftigen will.

Zeit, Beschleunigung, Geschwindigkeit. Burn-out, Slowdown, Stillstand. Anfang, Mitte, Ende, Tod. Nachdenken. Vorhersehen. Sich erinnern, den Moment festhalten oder das Gedächtnis verlieren. Flexibel bleiben. Der Prozess scheint interessanter als ein Ergebnis.

Wie geht die Erkenntnis von Hirnforschern, dass ‚falsches‘ Erinnern möglich ist und auch notwendig sein kann, weil Erinnerung immer eine Funktion der Gegenwart ist, mit unserer Vorstellung festen Wissens, von Geschichte, Biografie und linearer Zeit zusammen? Und was bedeutet das für unseren Umgang mit Fotografie?
‚Von Robert habe ich gelernt, dass Widersprüchlichkeit oft der eindeutigste Weg zur Wahrheit ist‘, schreibt Patti Smith über den Fotografen Robert Mapplethorpe 2010 in ‚Just Kids – Die Geschichte einer Freundschaft.‘
Ich sitze an einem indischen Strand und tue genau das, was alle tun, die das Glück haben einmal aussteigen zu dürfen: ich denke über Zeit nach, über meine verschiedenen Zeiterfahrungen, meine kleinen Fluchten, mein Lebenstempo hier wie dort.

Und wie alle will ich diesen Flow soweit als möglich erhalten. Auch in Berlin, wenn ich wieder ein Lehrer für Fotografie bin. Die Freunde sind bald aufgestellt: Aufmerksamkeit. Mit den Jahreszeiten verbinden. Meditation. Und Sport. Laufen, Lesen, Lachen … Die Feinde auch: unflexible Verbindlichkeiten. Sollte, könnte, wollte und hätte. Das sind die Schlimmsten!

Also eine Jahresklasse zum Thema Zeit. Ein Modethema bei uns im Westen. Beinahe wöchentlich werden Magazinbeiträge zu Burn-out, Be- und Entschleunigung veröffentlicht. Und ein Markt. ‚Time is Money‘ but ‚No Time‘ makes money too. Physiker, Soziologen, Philosophen, Dichter, Mediziner – aus allen Ecken gibt es einen professionellen Blick auf die Zeit. Und die Künste?

Am 6. August 2011, kurz nach meiner Rückkehr nach Berlin, starb Roman Opalka. Er hatte 1965 begonnen, mit einem sehr kleinen Pinsel die Zahl ‚1‘ auf eine Leinwand zu schreiben. Von da an, bis zu seinem Tod, schrieb er fortlaufend Zahlen auf die Leinwand. Am Ende des Tages fotografierte er sich selbst. Buddhistische Mönche würden das vielleicht als vollkommene Meditation bezeichnen. Von Moment zu Moment. Gegenwart.

2012, am Ende der Jahresklasse, gibt es eine Documenta in Kassel, die zwei Symposien zum Thema Zeit veranstaltet. Zeit und Raumerfahrung sind Themen dieser Show, die diesmal – bewusst offen – eher Fragen stellt, als Antworten bereitzuhalten. Der Prozess ist wichtiger als ein Ergebnis.

‚The Refusal of Time‘ heißt eines der zentralen Kunstwerke im alten Kasseler Hauptbahnhof. Die Multimedia-Installation von William Kentridge, einem 1955 geborenen weißen Südafrikaner, stellt die Frage, ob wir uns der Zeit verweigern können, unserem Schicksal entkommen, indem wir uns der linearen messbaren Zeit nicht länger unterwerfen.

Davor, danach, dazwischen: Jede Menge Kunst, Natur- und Geisteswissenschaft. Ein Jahr lang haben sich die Teilnehmer der Projektklasse ‚Zeit‘ in Recherche und eigener künstlerischer Arbeit mit persönlichem Zeiterleben beschäftigt. Ein paar Empfehlungen geben wir Ihnen am Ende dieses Bandes.

Allen Teilnehmern, auch denen, die bei dieser Präsentation nicht dabei sind, möchte ich herzlich danken für die offene und intensive Auseinandersetzung mit einem gleichermaßen existenziellen wie schwierigen Thema. Wir konnten ein Jahr miteinander lernen. Wir hatten eine gute Zeit.

An dieser Stelle möchte ich der Volkshochschule Friedrichshain-Kreuzberg danken. Ihrem Direktor Dr. Klaus-Dieter Niemann und unserem Programmbereichsleiter Peter Held, die diese umfangreiche fotografische Bildung ermöglichen. Das Photocentrum am Wassertor, wie der Fachbereich vom Kollegium genannt wird, ist mit seiner voraussetzungslosen und doch anspruchsvollen Ausbildung in künstlerischer Fotografie mittlerweile weit über die Grenzen Berlins hinaus ein Begriff.

Mein besonderer Dank gilt auch Edda Wilde für Ihren Text ‚Zeit.punkt_strich‘, in dem Sie in feinen Worten die verschiedenen Herangehensweisen der Fotografinnen und Fotografen strukturiert und einordnet.

Natürlich wäre ein solches Projekt auch nicht denkbar ohne die vielen Helfer im Hintergrund. Stellvertretend danken wir allen Verwaltungsangestellten im Haus, Kindern, Lebenspartnern und Haustieren für Geduld und Verständnis für Frei- und Aufgeregtheiten künstlerischer Arbeit.

Berlin, im Dezember 2012 Thomas Michalak

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