Einführung

Der Titel dieser Ausstellung ist „Von der Anwesenheit des Abwesenden“. Genauer müsste er heißen: „Von der Anwesenheit des Abwesenden in der Fotografie“. Die Geschichte hat die Fotografie, die ihre Bilder mithilfe von Apparaten und ohne gestalterisches Eingreifen herstellen kann, an der Seite des sichtbar Anwesenden verortet. Fotos sollen belegen, dass etwas genau so und nicht anders stattgefunden hat. Die Diskussion darüber, dass sowohl das Herstellen wie das Wahrnehmen von Fotografien immer auch an persönliche, gesellschaftliche und politische Zusammenhänge geknüpft ist, hat stattgefunden und soll hier nicht wiederholt werden. Auch die Tatsache, dass es seit mehr als 20 Jahren möglich ist, Bilder zu erzeugen, die sich von Fotografien nicht mehr unterscheiden lassen, aber kein je sichtbar Gewesenes voraussetzen, ist hier nicht unser Thema.

In dem einjährigen Projektkurs, dessen Abschluss diese Ausstellung ist, sollte vielmehr der Frage nachgegangen werden, inwieweit Fotografie von Dingen sprechen kann, die im Sichtbaren gerade nicht zu finden sind. Von Dingen, die prinzipiell unsichtbar oder marginalisiert, nicht wahrgenommen oder gering geschätzt werden. In einer überwiegend visuell/rational geprägten Kultur bedeutet Sichtbarkeit aber Realität, wird Wahrheit und Wirklichkeit nach Sichtbarkeit entschieden. Wie also reden von Dingen, die nicht mehr (aber wünschenswert) oder die noch nicht (aber erstrebenswert) sind? Wie kann ein Medium, das so sehr an das sichtbar Vorhandene gebunden scheint wie die Fotografie, vom Abwesenden sprechen und so einen Beitrag leisten zu persönlicher Emanzipation, politischer Teilhabe und gesellschaftlicher Entwicklung?

Gerade die Nähe zum Sichtbaren, erlaubt Fotograf*innen Alternativen zu formulieren. Utopien, Dystopien, Wach- und Tagträume, innere Bilder sind hier genauso im Blick wie Fakten, die vom öffentlichen Diskurs und öffentlicher Wahrnehmung ausgeschlossen sind. Entweder, weil sie zu viel gesellschaftlichen Sprengstoff enthalten oder ökonomisch nicht verwertbar sind.

In unserer medial geprägten Gesellschaft gilt es, die Kraft der Bilder zu nutzen. Bilder wirken. Ob normativ – wie in der Werbung oder meinungsbildend/manipulativ – wie in den Medien. Ob Fotografien uns mit ihrem „so war es, so ist es“, und dem in der eingefrorenen Zeit schlummernden „so wird es immer sein“ ohnmächtig zurück lassen oder ob sie uns helfen Alternativen zu formulieren und vielleicht auch durchzusetzen, liegt nicht im Medium, sondern in seinem Gebrauch.

Der Fotografie in der Kunst aber auch in der Reportagefotografie, wie sie beide am Photocentrum der VHS Friedrichshain-Kreuzberg unterrichtet werden, kommt hier eine besondere Rolle zu.

Gerade die Nähe zum Sichtbaren, erlaubt es Fotografinnen und Fotografen Alternativen zu formulieren. Utopien, Dystopien, Wach- und Tagträume, innere Bilder sind hier genauso im Blick wie Fakten, die, weil sie zu viel gesellschaftlichen Sprengstoff enthalten oder ökonomisch nicht verwertbar sind, vom öffentlichen Diskurs und öffentlicher Wahrnehmung ausgeschlossen sind.

Robert Frank, einer der wichtigsten amerikanischen Fotografen des 20. Jahrhunderts, hat es in etwas so formuliert: Fotografieren heißt zu sehen, was dem Blick der anderen verborgen bleibt.

Nach einer dreimonatigen Recherchephase, in der sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Bildautorinnen und -Autoren wie Sascha Weidner, Paul Graham, Sven Johne und Zanele Muholi und Begriffen wie Romantik, Melancholie, Utopie, Dystopie, Traum,  Dokument, Realität und Konstruktivismus beschäftigt hatten, haben sie mit einem selbst gewählten Projekt begonnen, dessen Ergebnis wir heute in dieser Ausstellung präsentieren. So unterschiedlich wie die Menschen, die an dieser Projektklasse teilgenommen haben sind – für mich eines der großen Privilegien von Volkshochschule – so unterschiedlich sind ihre Themen und Sichtweisen. Allen gemeinsam ist das große Engagement und die Bereitschaft, sich mit dem Medium Fotografie, den eigenen Bildern und den Arbeiten der anderen wieder und wieder auseinanderzusetzen, um so zu einem guten Ergebnis zu kommen. Ihnen gilt mein erster Dank.

Mein besonderer Dank gilt Frau Sarah Pedde (Wien) für das Essay „Fotografie des Unsichtbaren“ in diesem Katalog und Frau Prof. Silke Helmerdig (Pforzheim) für den Vortrag „Fotografie: Klischee der Möglichkeiten“, den Sie im Rahmen der Ausstellung halten wird.

Thomas Michalak, Januar 2017