Familien | Bilder

Fotoausstellung vom 11.09.-23.10.2009

Einladungskarte zur Ausstellung "Familienbilder"Familienbilder zeigen oft eine heile Welt ohne Streit, Arbeit und Alltag. Sie belegen die Konformität und den Zusammenhalt des Mikrokosmos‘ Familie nach außen und dienen gleichzeitig als Norm, an der sich Familien orientieren. Vielleicht kann die starke Diskrepanz zwischen dem tradierten fotografischen Kanon – der harmonischen Sonntagsfamilie – und dem gelebten Alltag, das Fehlen von ‚Vor-Bildern‘ für Konflikte, Unterschiedlichkeiten und alternativen Lebensweisen und somit das Scheitern manchen Zusammenlebens erklären.

Diese Diskrepanz war Ausgangspunkt des Fotoprojekts ‚Familien-Bilder‘, das unter Leitung von Thomas Michalak im Oktober 2008 begonnen wurde und jetzt mit einer Ausstellung und Buchpräsentation abschließt. Zehn Fotografinnen und Fotografen zeigen sehr persönliche und höchst unterschiedliche Herangehensweisen an das Thema: Eher dokumentarische Arbeiten finden sich neben stark überarbeiteten Fotografien, die sich kritisch mit dem Bildklischee Familie auseinander setzen. Einige eher philosophische Arbeiten untersuchen die ambivalente Rolle der Fotografie zwischen Selbstdarstellung und Selbstuntersuchung, postulieren einen weit gefassten Familienbegriff und arbeiten der Trennung von Individuum, Familie und Gesellschaft entgegen.

Teilnehmer_innen

Knut Bäcker, Simone Fachel, Erhard Flach, Roland Helbig, Anna Homburg, Beate Hoves, Rainer Menke, Sarah Pedde, Lisa Schröderund Ute Sonnenberg. Leitung: Thomas Michalak

Einführung

Das bürgerliche Familienbild hat eine starke Verbindung mit der Fotografie, die in diesen Tagen ihren 170sten Geburtstag feiert. Das Bild einer heilen, aus Vater, Mutter und Kindern bestehenden Gemeinschaft, entsteht in den Zeiten der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts als Gegenbild zur immer stärker entfremdeten Arbeitswelt.

Die Fotografie, die zu dieser Zeit Porträtfotografie ist, dient dabei der bürgerlichen Selbstvergewisserung. Im fotografischen Bild behauptet die Familie Stärke, Wohlstand und Harmonie ihrer Gemeinschaft nach außen. Gleichzeitig demonstriert sie die Einhaltung der Norm: Vater, Mutter, Kinder, gemeinsam glücklich und erfolgreich. Daher spielen Arbeit, Zwist, Ärger und Missstand in den meisten Familienbildern bis heute keine Rolle.

Fotografische Bilder stehen durch ihre mediale Verbreitung spätestens seit der Mitte des letzten Jahrhunderts in der Doppelfunktion zwischen Vorbild und Abbild. Das Bild der eigenen Familie wird der gesellschaftlichen Norm angepasst und auch gleich wieder zum Maßstab für Verhalten und Erscheinung. Vielleicht lohnt es sich einmal über den Zusammenhang zwischen dem Scheitern vieler junger Ehen und Familien und den im Bild immer wieder transportierten Idealen nachzudenken.

Im Kaiserreich und dem dritten Reich galt die Familie als Keimzelle des Staates. Familien ohne Kinder wurden diffamiert. Auch den fünfziger Jahren sollte die Familie die einzige Form legitimierten Zusammenlebens bleiben – und das obwohl vier von zehn Frauen allein erziehende Mütter waren. Grund- und Ehegesetz wurden entsprechend formuliert. Fotos zeigen das Glück der Familie und die Abwesenheit von Politik und Krieg.

Mit der Studentenrevolution begann die Auseinandersetzung der Jungen mit der Vergangenheit der Väter. Die Generation der 1968er verachtete die traditionelle Familie als Inbegriff des Spießigen und Autoritären, die das Massenphänomen ‚3. Reich‘ wesentlich zu verantworten hatten. Sie entwickelten alternative Formen des Zusammenlebens wie Wohngemeinschaften und Kommunen. Die Gestaltung eines selbstbestimmten Lebens rückte stärker in den Vordergrund.

In der Fotografie der 1970er und 1980er Jahre werden diese Lebensentwürfe deutlich. Das bürgerlich normative Familienbild wird durch ein dokumentarisch beschreibendes ersetzt. Es ging darum zu sehen was ist und welches Potential für die weitere Entwicklung darin steckt. Vorstellungen eines offenen und machtfreien Zusammenlebens sowohl zwischen den Geschlechtern als auch zwischen Eltern und Kindern werden in Text und Bild formuliert.

In den achtziger Jahren ist die Anfangseuphorie gebrochen. Der Anspruch jederzeit nicht-autoritär, herrschaftsfrei, altruistisch und zugewandt zu sein, hatte das Individuum überfordert. In dieser Phase, in der die traditionelle Familie stark negativ behaftet, neue Formen des Zusammenlebens aber an der wenig geübten Praxis scheitern, entstehen zwischen Performance und Fotografie Arbeiten einer teilweise autoaggressiven Selbstuntersuchung.

Die neunziger Jahre bringen einen neuen Konservativismus der Erscheinungen. Auch die jetzt sehr erfolgreiche deutsche Fotografie greift auf Techniken und Erzählweisen des 19. Jahrhunderts zurück. Gleichwohl schreitet die Emanzipation zwischen Mann und Frau, gleichgeschlechtlichen und gemischtgeschlechtlichen Partnerschaften fort. In der am Kunstmarkt gehandelten Fotografie taucht Familie eher im bürgerlichen Ideal des 19. Jahrhunderts auf. Emanzipatorische Ansätze, die jetzt auch Ambivalenzen und Widersprüche zeigen dürfen, finden sich eher in der Literatur und im Film.

Im vorhergehenden Projektkurs, ‚Lebenswelten‘ (2007/2008), der sich mit dem Verhältnis von Architektur und Leben beschäftigt hatte, trat das Thema ‚Familie‘ eher zufällig auf den Plan: Zur Unterstützung der Arbeit einer Teilnehmerin, forderte ich die Kursteilnehmer auf eigene Familienbilder vorzustellen.

Es stellte sich sofort heraus, das Familie und Bilder der Familie für jeden der Kursteilnehmer emotional und auch gedanklich sehr stark besetzt waren ohne das darüber ausgiebig kommuniziert und der eigene Standpunkt hinreichend geklärt wäre. So allgemein Familie als Thema ist, so häufig scheint das Tabu der Auseinandersetzung und die Überformung mit ungeklärten Wertvorstellungen. Es gab wirklich heftige Überraschungen wie positiv und auch wie quälend Familie von dem einen oder der anderen erlebt worden war.

Für das vergangene Jahr hatte ich also einen Projektkurs zum Thema geplant. Ausgehend von einem Überblick über fotografische Positionen sollte bewusst ein sehr persönlicher Ansatz erarbeitet werden. „Was bedeutet mir Familie, Gemeinschaft, Zusammenleben jetzt?“

Neben den unterschiedlichen biografischen Erfahrungen der Teilnehmer, differenziert auch deren Lebensalter das Interesse am Thema.

Im Ergebnis finden sich daher ebenso dokumentarische Arbeiten, wie überarbeitete Fotografien die sich kritisch oder experimentell mit Familie und Bildklischees auseinandersetzen. Einige Teilnehmer verlagern die Untersuchung der Grenze zwischen innen und außen, die Familie ausmacht zurück zum eigenen Ich: Kommunikation und das Akzeptieren der eigenen Unabgeschlossenheit werden zum Schlüssel für Freiheit und Beziehung.

Knut Bäcker, 1977 in Berlin geboren studierte Philosophie und Kulturwissenschaften:

In seiner Arbeit ‚To feel what others feel‚ zeigt er mehr als 100 Selbstporträts die er in unterschiedlichsten Situationen und Stimmungen aufgenommen hat. Das Gesicht spiegelt Begegnungen mit Freunden und Familie und zeigt gleichzeitig das ‚innere Team‘: den Nachdenklichen, den Offensiven, den Faulen, den Verliebten, etc… Das ‚Ich bin viele‘ reflektiert die Erkenntnisse von Psychologie und Hirnforschung der letzten Jahrzehnte und öffnet den Weg zu gewaltarmen Beziehungen: ‚I feel what others feel‚.

Simone Fachel, ebenfalls 1977 in Loeben (Österreich) geboren, kam durch eine Wohnraumanalyse innerhalb ihres Lateinamerikanistikstudiums zur Fotografie.

Gegen Ende einer Indienreise befreundet Sie sich mit einer auf der Straße lebenden Familie. Sie verabredet die Familie fotografisch zur porträtieren und fliegt einige Wochen später wieder nach Indien. Die Familie ist aber nicht mehr da und Ihr wird mehr als einmal bedeutet, dass ihr Fotografieren dort unerwünscht ist.

Simone Fachel fühlt sich ‚Weiße Touristin‘ ausgeschlossen. Die starke Grenze zwischen innen und außen, die zum traditionellen Familienbild gehört, wird hier auf der kulturellen und nationalen Ebene erlebt.

Die Fotografin zieht sich in das ihr zugestandene Territorium zurück und fotografiert sich selbst. Allein, getrennt – sowohl in Ihrem Hotelzimmer als auch auf der Straße davor. Als Schatten, übermalt, individuelle Zuge ausgelöscht erscheint ihr Selbstbild.

Die Bilder der Arbeit ‚Fast‘ erinnern mich an Momente der Fremdheit, die jeder Jugendliche irgendwann in seiner Familie erlebt: Unverstanden, ausgeschlossen, einsam. Zeiten in denen man meint nicht(s) mehr zu sein und dann lernt sich in anderen Bezügen zu reflektieren.

Erhard Flach wurde 1947 in Bremen geboren, ist von Beruf Physiker und lebt seit 1973 in Berlin.

Seine Arbeit ‚Binnenansichten‘ geht auf Spurensuche im Haus der eigenen Familie und zeigt Ordnungen von Dingen, die sich im alltäglichen Zusammenleben ergeben haben. In den Bildern sieht man die Überlagerung verschiedener Persönlichkeits- und Alltagsstrukturen von Vater, Mutter, Tochter und Sohn.

Obwohl die Anordnung der Dinge meist nicht bewusst vorgenommen wird und sich die Mitglieder der Familie ihrer auch oft nicht bewusst sind, sind doch gerade sie es, die ein Gefühl von Heimat und Zusammengehörigkeit erzeugen.

Roland Helbig, 1957 in Südhessen geboren, zieht 1981 nach Berlin, wo er Wirtschafts- und Gesellschaftskommunikation studiert. Er ist verheiratet und hat zwei Töchter.

Roland Helbig interessiert sich für die Faszination die von der Klischeevorstellung der bürgerlichen Familie nach wie vor auszugehen scheint. Trotz der Akzeptanz alternativer Lebensformen liegt hier für den überwiegenden Teil der Bevölkerung die Vorstellung von Glück und Erfüllung. ‚Wenn dieser Wunsch so stark ist‘, fragt sich Roland Helbig, ‚warum scheitert er dann so häufig an der gelebten Realität‘?

In seiner Arbeit will er diese Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit untersuchen. Er befragt dazu nicht reale Familien, sondern das in Form kleiner Eisenbahnfiguren bereits Bild gewordene Klischee von Zusammenleben: Lassen sich bereits in diesen kleinen Figuren die Verwerfungen spüren, die im gelebten Leben so viel Schwierigkeiten machen?

Seinen Blick auf das bürgerliche Familienmodell nennt Roland Helbig ’skeptisch und doch liebevoll‘. Auch das Leben konventioneller Träume erfordere Mut, Ausdauer und sei harte Arbeit.

Anna Homburg, 1977 in der Ukraine geboren, kommt nach dem Fremdsprachenstudium nach Berlin. Sie studiert Fotografie an der neuen Schule für Fotografie und am Fachbereich Fotografie der VHS Friedrichshain-Kreuzberg.

Für ihre Arbeit ‚Erinnerungen an eine Familie‘ kauft sie private Familienbilder über Ebay. Teilweise für wenige Euro sind die Bild gewordenen Erinnerungen zu haben. Aus Hunderten von Fotos wählt sie solche aus, die ihr bedeutsam scheinen und eine Stimmung erklingen lassen, die sie kennt.

Im persönliche Dokument findet sie allgemein gültige Themen und ermöglicht uns durch ihre Auswahl mit unseren eigenen Erinnerungen teilzuhaben.

Diese vor dem Vergessen geretteten Familienbilder bringt sie im Buch mit quadratischen Farbfotos, die sie in Ihrer Heimat mit einer Holga fotografiert hat, zusammen. Landschaften, Menschen in Ruhe, beim Spiel, es sind gegenwärtige Bilder. Doch die typische Unschärfe und die Vignettierung dieser einfachen chinesischen Volkskamera verweisen aber auf fotografische Vergangenheit.

‚Was kann mich mit Vergangenheit verbinden? Was bleibt gültig?‘ Der Weg diese Frage zu beantworten führt bei Anna Homburg über das Einfühlen, einen zeitübergreifende Empathie.

Beate Hoves, 1977 in Wuppertal geboren, studierte Psychologie und lebt seit 2002 in Berlin.

Das Thema Familie ist für Beate Hoves eng mit der eigenen Herkunft verbunden. Die Arbeit ‚Distanz‘ zeigt ein bürgerliches ‚zu Hause‘ das nicht als solches empfunden wird: fremd und einsam, die Mutterfigur getrennt durch eine Glastür in der Küche, vom Vater ist nur ein Werkzeug, die Schreibmaschine zu sehen. Eine Pflanze zeigt einen jungen Trieb, die beiden Älteren unscharf, nicht fassbar und dem Bildausschnitt entwachsen.

Im letzten Bild der Reihe sehen wir einen unaufgeräumten Schrank auf dem ein Karton steht: vielleicht der Ort für familiäre Erinnerungen? Das Fotoalbum, ein Geschenk der Patentante, ist es jedenfalls nicht. Es wurde nie ausgepackt und genutzt.

Rainer Menke ist in einer Kleinstadt im Sauerland geboren, studierte Theaterwissenschaft und kritische Psychologie.

Seine Installation ‚Ich freu mich auch‘ zeigt stark überarbeitete eigene und fremde Familienbilder. Normierung, Gleichschaltung und Unterwerfung der Persönlichkeit aber auch Anonymität und Leid sind inhaltliche Aspekte der Überarbeitung. Familie Göbbels wird zum Inbegriff dies Verhältnisses von Idylle und Gewalt.

Rauh, direkt und unversöhnlich ist auch die malerische Geste.

‚Ort der Perversion, der Gleichschaltung, Uniformierung, der Nivellierung von Interessen, der Unterdrückung, Gleichmacherei, Einübung in die Ungerechtigkeit […] Ort des Scheiterns, der Lüge, der Erinnerung, der falschen Hoffnung. Schmerz und Einsamkeit…. zählt Rainer Menke im Text zu seiner Arbeit seine persönliche Definition von Familie auf.

‚Ich freu mich auch‘, der Titel der Installation, kann sowohl als bitterer Sarkasmus, wie auch als Anerkennung anderer familiärer Erfahrungen gelesen werden.

Sarah Pedde wurde 1985 in Berlin geboren und zieht im Herbst dieses Jahres für das Fotografiestudium nach Bielefeld.

Ihre Arbeit beschäftigt sich mit den stillen, nonverbalen Momenten im ‚mit-einander‘, ‚mit-den-dingen‘ und ‚mit-sich-selbst‘. Die Bilder haben keine eindeutige Botschaft. Einzeln und mehr noch in Ihrer Abfolge im Buch öffnen Sie einen Stimmungsraum, erlauben dem Betrachter einzutreten und eigene Bilder und Erinnerungen mit dieser Arbeit zu verknüpfen.

Sarah Peddes Bilder bewegen sich zwischen Faktischem und Fiktion. Teilweise vorgefunden und doch auch inszeniert entstehen ihre Fotografien. Gerade von dieser Wirklichkeit mit wechselnden und nicht immer klar benennbaren Anteilen ist die Fotografin fasziniert.

Lisa Schröder, 1981 in Weimar geboren studiert Altamerikanistik, Lateinamerikanistik und Ethnologie in Berlin. Sie begann schon als Kind zu fotografieren und benutzt die Kamera um sich eigenen und fremden Lebenswelten zu nähern.

In ihrer Arbeit ‚Meine Freunde, meine Familie‘ zeichnet Sie ein feinfühliges Beziehungsbild vertrauter Personen: ‚Die Freunde‘, sagt Lisa Schröder, [sind die] ‚Familie, die man sich aussuchen kann.‘ Die Wahlfamilie wird hier nicht als Gegenbild zur Herkunftsfamilie postuliert, sondern integriert freundschaftliche und verwandtschaftliche Bezüge.

Ute Sonnenberg ist 1973 in Heilbronn geboren, studierte Germanistik, Soziologie, Psychologie und Philosophie in Marburg und Berlin. Sie arbeitet als Referentin für Öffentlichkeitsarbeit, ist Mutter eines Sohnes und einer Tochter, verheiratet und lebt seit 2006 wieder in einer Wohngemeinschaft.

Eine Wohnung, sechs Menschen. Zwei Frauen, ein Mann, zwei Jungen, ein Mädchen. WG 2.0 titelt Ute Sonnenberg die Bilder, die Sie im letzten Jahr zu Hause fotografiert hat. Freundschaften, Geschwisterverhältnis und Paarbeziehung: Zwei Familien loten Formen des solidarischen Zusammenlebens jenseits der klassischen Kleinfamilie aus.

‚Wildes Toben und versunkenes Spiel, Streit und Kuscheln, Essen, Arbeit, Gespräche: all das findet häufig gleichzeitig statt,‘ sagt Ute Sonnenberg. Diese Momente des Mit- und Nebeneinanders in wechselnden Konstellationen sind Gegenstand ihrer Arbeit.

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