Angelika Dierkes

Zaungast in der Nacht

Es treibt mich hinaus in die Nacht; ihre samtige Dunkelheit und ihr fahles Licht faszinieren mich. Ziellos wandere ich durch bleiche Straßen, quere unwirtliche Plätze. Im Innenhof eines Bürokomplexes weckt ein kahles Bäumchen mein Mitleid. Weiter. Mein Blick fällt auf berankte Hausfassaden, sie erinnern mich an ein Märchenschloss. Ich biege in Seitenstraßen, folge Schattenwegen. Plötzlich verstellt mir eine dunkle Gestalt den Weg. Entwarnung: Nur ein verirrter Passant, der um Hilfe bittet. Ich finde mich in schummrigen Gassen wieder, passiere Hauseingänge. Helle Schaufenster locken mit bunten Illusionen. Von einer Plakatwand flattert mir ein Vogel entgegen und jagt mir einen gehörigen Schreck ein. Immer wieder recken sich Mauern, Absperrgitter und Eisenzäune vor mir in die Höhe und verwehren den Zutritt. So bleibe ich Zaungast. Nur vereinzelt sind Menschen unterwegs. Ich hefte mich an ihre Fersen, folge ihren Schritten. Vor mir ein in trübes Licht getauchter Stadtbahnhof. Leiser Regen fällt, Wassertropfen lecken am Fensterglas und zaubern Lichtpunkte ins Dunkel. Die Nacht schwindet jetzt, zögernd überlässt sie dem hellen Tag die Bühne. Erschöpft, aber reich an Eindrücken, kehre ich heim.

Geboren in Dalhausen, Kreis Höxter, lebt und arbeitet seit 1972 in Berlin. Studium der Werbekommunikation an der Universität der Künste, Berlin; Amerikanistik und Germanistik an der Freien Universität Berlin. Fotografische Ausbildung an der ‚Werkstatt für Photographie‘, Berlin. Seit 2014 Fotoklassen bei Ebba Dangschat, Sibylle Hoffmann und Thomas Michalak am Photocentrum der Gilberto-Bosques-Volkshochschule Friedrichshain-Kreuzberg, Berlin; Fotoklasse bei Ulrike Ludwig an der Volkshochschule Neukölln.

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