Einführung

Von Dunkelheit und Licht

Für Physiker ist Licht der bestimmte kleine Ausschnitt elektromagnetischer Wellen, den wir mit den Augen sehen können. An beiden Seiten des Regenbogens, für Menschen unsichtbar, gibt es mit Infrarot und Ultraviolett Bereiche, in denen sich z. B. Schlangen oder Bienen sehend orientieren können. Sie müssen dafür mit anderen Einschränkungen ihrer Sinnesorgane leben. Die Wirklichkeit, in der sich ein Hund, eine Katze oder eine Stubenfliege bewegt, ist von der unseren deutlich verschieden. Die Unterscheidung von Dunkelheit und Licht ist also eine zutiefst an unseren eigenen Wahrnehmungsapparat gebundene und keine feste Entität.

EM_spectrum.svg: User:Zedh derivative work: Matt (talk), EM-Spektrum, CC BY-SA 2.5

Dennoch: Licht und auch Dunkelheit ist für unser Leben und Überleben existenziell. Wir sind Teil eines Systems, in dem eine rhythmische Abfolge von Dunkelheit und Licht, Kälte und Wärme Leben hervorgebracht und bis heute bestimmenden Einfluss hat. Pflanzen und Tiere brauchen beides, um sich zu entwickeln. Der durch Sonne und Mond vorgegebene rhythmische Wechsel von Hell und Dunkel bestimmt unsere Wahrnehmung der Zeit. Die Bedeutungen, die wir Licht und Dunkelheit zuschreiben, fußen auf den Erfahrungen unzähliger Generationen. Sie sind sowohl praktischer als auch metaphorischer Natur und haben im Alltag, in Riten aber auch im Sprachgebrauch und in Bildern ihre Form gefunden.

Licht erlaubt die Orientierung im Raum. Mit unserem Sehsinn können wir weit Entferntes wahrnehmen, bevor es uns tatsächlich erreicht. Der helle Tag ist der Zeitraum, in dem wir uns sicher genug fühlen, Neues zu erkunden und es in unser Wissenssystem zu integrieren. Wir bilden Theorien und überprüfen sie. Wenn wir sehen, werden wir aktiv.

Dunkelheit hingegen verkleinert den Raum um uns herum auf einen Bereich, den wir mittels Tastsinn und Gehör erschließen können. Herannahende Gefahren können wir ohne Licht kaum erkennen, bevor sie in unmittelbarer Nähe sind. Dunkelheit schränkt unsere Möglichkeit zu körperlicher Aktivität stark ein. Wir nutzen diese Zeit zur Ruhe. Dennoch gibt es auch in völliger Dunkelheit Bilder: Traumbilder oder Erinnerungen, die unser Hirn uns präsentiert, wenn die Sinne weniger Informationen liefern. Handlungen, Abläufe und Räume können im Traum, aber auch in Erinnerungen, von unseren tatsächlichen Fähigkeiten und den realen Geschehnissen abweichen. Der Zensor in unserem Kopf, der Erfahrungen sortiert und bewertet, ist nachts weniger streng. Hirnforscher sind der Ansicht, dass diese Zeit des ‚unbewussten Reflektierens’ wichtig ist für unsere Merkfähigkeit und auch unsere Kreativität.

Menschen, die in der Dunkelheit sehen können oder den dort veränderten Wahrnehmungen Sinn geben, bekommen in menschlichen Gemeinschaften meist eine besondere Rolle zugeschrieben. Je nachdem, ob diese positiv oder negativ konnotiert war, sprach man in früherer Zeit von Hexen, Sehern oder Heilern. Heute sind es Wissenschaftler und Ärzte die mit bildgebenden Verfahren in uns Anderen verschlossene Bereiche vordringen.

Die Bedeutungen, die wir Licht und Dunkelheit zuschreiben, nähren sich bis heute aus diesen elementaren Erfahrungen. Sie sind stark verinnerlicht und mit Bewertungen verbunden, die wir im Alltag kaum reflektieren. Licht und seine Metaphern verbinden sich in fast allen Kulturen mit Wachstum, Wissen oder theologisch mit Wahrheit. Der Morgen steht für den Beginn, der Abend für ein Ende. Licht erlaubt Durchblick, Transparenz und schützt vor ‘Täuschung’ und ‘Trugbildern’ – Begriffe, mit denen wir unsere veränderte Wahrnehmung in der Dunkelheit nicht nur beschreiben, sondern auch bewerten.

In der Dunkelheit sinkt die Reichweite der sehenden Kontrolle durch unsere Mitmenschen. Es entstehen Freiräume vom Sozialen, die gerade in Zeiten der Entwicklung (z. B. Pubertät), aber auch für Künstler, Dichter, Musiker oder Maler wichtig sind. Spirituellen Lehrern, Geistlichen, Heilern und Künstlern wird eine Verbindung zur dunklen Seite zugestanden. Sie sind die tolerierten Vermittler, deren Arbeit je nach Ausrichtung einer Gesellschaft gefeiert oder beargwöhnt wird.

Seit der Erfindung des elektrischen Lichts im 19. Jahrhundert hat sich das Gleichgewicht zwischen Dunkelheit und Licht stark verschoben. Räume und menschliche Aktivität (Arbeit) werden jederzeit verfügbar, was der Logik von Produktion und Konsum stark entgegenkommt. Rhythmen lassen sich beschleunigen und zum Beispiel Hennen in einem verdoppelten Tag-Nacht-Zyklus zwei Eier in 24 Stunden legen. Unser Sehsinn kann jederzeit mit optischen Eindrücken befeuert werden und muss sich nicht mehr vor vagen Nacht- und Nachbildern fürchten. Das jederzeit verfügbare Licht besiegt die Angst vor dem, was wir glauben, nicht kontrollieren zu können und macht uns zu Herren unseres Blicks. Wenn Wahrheit und Wissen Werte sind, die sich nachts dem Ahnen, Glauben und Fürchten stellen müssen, so verschiebt das künstliche Licht dieses Gleichgewicht zugunsten rationaler Weltbetrachtung. Licht als Wissen und Wahrheit bedeutet Macht, Kontrolle und selbstbestimmtes Leben, während Dunkelheit diskreditiert und dem Ungefähren mit Misstrauen und Ablehnung begegnet wird. Die Verdrängung des Dunklen aus unserer Lebenswelt hat dazu geführt, dass Schutzzonen eingerichtet worden sind, in denen tiefe Dunkelheit wieder erlebt werden kann. Weltweit gibt es (Stand 2013) 50 solcher Lichtschutzgebiete.

Dennoch: Man kann uns auch am Tage ‚hinters Licht führen’. Es genügt, unsere Hirne, die Informationen nach Stimmigkeit und nicht nach Wahrheit bewerten, mit plausiblen Argumenten zu versorgen und andere Quellen zu diskreditieren, um uns in einer ‚alternativen’ Wirklichkeit leben zu lassen. Der Umgang mit beiden Begriffen ist daher politisch brisant. Die Definitionshoheit ist eine Machtfrage.

In der analogen Fotografie bedingen sich Licht und Dunkelheit wechselseitig. Benötigen wir vor der Kamera hinreichend Licht, um im Silberhalogenid ein latentes Bild zu erzeugen, so muss das Innere der Kamera doch dunkel sein, um dieses Bild nicht zu gefährden. In der Dunkelkammer entsteht das Bild, das wir später bei Licht betrachten und als Frage oder Statement verstehen werden. Entstanden ist es in einer Kollaboration des Fotografen, seiner Technik und der Welt.

Mehr noch: Im Negativ-Positiv-Verfahren der analogen Fotografie wird Licht zu Dunkelheit – es schwärzt die Schicht und dieses Schwarz schützt die lichtempfindliche Schicht in der Dunkelkammer – das unbelichtete Papier bleibt weiß, wird Licht.

Verena von Gagern-Steidle, die vielleicht wie keine andere das Wesen der Fotografie in diesem Prozess der Umkehrung verortet, schreibt: „In jeder Fotografie ist die Erinnerung an die Nacht. Ein einziger Lichtpunkt auf dem Film verdichtet ihn dort zu schwarz und jetzt im Positiv zum Lichtpunkt zurück. […] Jeder Ton im positiven Bild hat im Negativ einmal seinen Schatten gekannt, auch wenn er heller war als er selbst. Dieses Wissen um die Nachtseite erklärt jene viel besprochene Melancholie, die der Fotografie in ihrer Beziehung zu Zeit und Raum eigen ist. Eine Melancholie auch angesichts des Bildes, in dem Licht, Zeit und Raum je eine andere Antwort auf die Frage nach der Wirklichkeit geben […]“. (Verena von Gagern-Steidle, Die Antwort des Bildes, Seite 135f.)

Licht und Dunkelheit sind in der Fotografie, wie für keine der anderen bildenden Künste, Material und Inhalt zugleich. ‚Photographieren’ hat seinen Ursprung im Griechischen und bedeutet ‚Zeichnen mit Licht‘. Licht, Raum und Zeit sind die Elemente, aus denen der Fotograf seine Bilder erschafft. Sich diesem Material und seinen gestalterischen Möglichkeiten, aber auch den zugeschriebenen Bedeutungen der Begriffe, der Verwendung von Lichtmetaphern in der Alltagssprache wie in politischen Diskursen zu widmen, war Anliegen des Projektkurses am Photocentrum der VHS Friedrichshain-Kreuzberg.
Themen wie Zeit, Raum oder eben Licht, lassen keine annähernd vollständige Behandlung zu. Das Projekt wurde mit einer gemeinsamen Recherche begonnen, in denen wir uns den Darstellungen von Licht und Dunkelheit in bildender Kunst, Philosophie, Religion, Mythologie aber auch in politischer Sprache und deren Gebrauch im Alltag beschäftigt haben.

Mit der Entscheidung für einen persönlich relevanten Aspekt haben die Teilnehmenden ihre Arbeit fortgesetzt. Die Fotografinnen und Fotografen befassten sich auf individuelle Weise mit Licht und Dunkelheit und zeigen in der Ausstellung ihre fotografische Auseinandersetzung mit der Thematik.

Die Arbeiten

Ob etwas gesellschaftlich sichtbar ist, und damit Wirksamkeit entfalten kann, hängt in Informationsgesellschaften weniger vom vorhanden Licht als von der medialen Berichterstattung ab. Urteile und Werte stützen sich weniger auf eigene Erfahrung als auf mittelbare Informationen. Die Anzahl an Informationskanälen macht es kaum mehr möglich, die jeweiligen Werte-Kontexte zu erkennen, die die Auswahl und die inhaltliche Ausrichtung einer Nachricht bestimmen. Ein Systemwechsel, wie es die ‚Wende’ in der Bundesrepublik Deutschland war, bringt deutlich veränderte Kontexte, die aber nicht immer offen benannt werden. So kann das, was gestern als modern und fortschrittlich gebaut worden ist, heute als hässlich gelten und eine Architektur, deren feudalistische Herkunft an Unterdrückung und unmenschliche Konzentration von Macht erinnert, wird als erstrebenswertes Bild für eine zeitgemäße Stadt angesehen.

Mit Ihren Bildern über den Abriss der ehemaligen Fachhochschule in Potsdams Mitte nehmen Jürgen Alex und Gabriele Teutloff zu den Veränderungen des Stadtbildes Stellung. In Detailaufnahmen machen sie an der verwitterten Fassade noch die einfachen und klaren Stilelemente sichtbar und stellen sie den pseudo-klassizistischen Elementen des als Betonbau wiedererstandenen Stadtschlosses gegenüber. Was abgerissen wird, ist deutsche Nachkriegsgeschichte: Bildung, eine Fachhochschule und ein Theater, hatten ihren Platz im Zentrum. Was neu gebaut wird, ist rückwärts gewandt und versucht – jedenfalls äußerlich – beide Kriege und die Nachkriegszeit auszublenden.

Über den Wohnungsmangel in den großen Städten, die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen, explodierende Immobilienpreise und eine weitgehend wirkungslose Mietpreisbremse wird bald wöchentlich berichtet. Was aber tatsächlich geschieht, wenn Lebensräume zwecks Spekulation entmietet werden, bekommen wir selten zu Gesicht. Anton Katz begleitet seit Jahren die Umwandlung von Wohnraum in Berlin mit der Kamera. Er lernte Menschen kennen, die von Verdrängung betroffen waren, und durfte in deren Wohnungen fotografieren. Wir sehen individuelle Gestaltungen, ein persönliches Zuhause. Es ist keine konkrete, individuelle Geschichte, die uns der Fotograf erzählt, wenn er Bilder eines Traueraltars nach dem Freitod eines Mieters, einen Innenhof mit einem Berg von Einrichtungsgegenständen aus geräumten Wohnungen und schließlich der Einrüstung für den Beginn der Bauarbeiten in seine Serie aufnimmt. Exemplarisch wird deutlich, was tatsächlich (und längst nicht immer legal) geschieht, wenn Wohnraum ‚modernisiert’ wird.

Schwerpunkt in Lothar Köhlers fotografischen Arbeiten ist das Porträt. Er wendet sich dabei mit besonderem Interesse Personen zu, die sehr eigene Entscheidungen für ihr Leben getroffen haben. Oberflächen, gar solche, die einer besonderen Ästhetik folgen, wie wir es von vielen Menschenbildern heute kennen, interessieren ihn nicht. Für seine aktuelle Arbeit „ich bin …“ begleitete er den Sozialpädagogen Holger B. über Wochen, tagsüber und in der Nacht, in privaten und öffentlichen Räumen und lernte so dessen unterschiedliche Facetten und Rollen kennen. Unsere öffentlichen Diskurse über Menschen (z. B. mediale Bewertungen von Politikern) und auch unsere eigene Selbstwahrnehmung verlangen noch viel zu oft nach einer linearen, einheitlichen Persönlichkeit. Dass wir das nicht sind, zeigen nicht nur Theorie und Forschung, sondern schon die einfache Beobachtung eigenen Verhaltens in verschiedenen Kontexten (Arbeit, Freizeit, Partnerschaft usw.). Lothar Köhler lässt sich von seinem Interesse leiten und wertet nicht. In der konsequenten Installation der Bilder als Ensemble, lässt er Privates, Öffentliches, Tag und Nacht nebeneinander stehen und erlaubt dem Betrachter seinen eigenen Vorstellungen und Bewertungen auf die Spur zu kommen.

In ihrer Arbeit Dazwischen beschäftigt sich Susanne Rehm mit der Pubertät. Licht und Dunkelheit sind ihr Metaphern für das Bekannte und das Unbekannte – sowohl aus der Perspektive der Eltern, die das (Innen-)Leben ihrer Kinder nicht mehr vollständig verstehen, als auch aus der Perspektive der Jugendlichen, die sich verändern (wollen), aber ihren Weg noch nicht kennen. Träume, Fantasien, Sehnsüchte spielen in Zeiten der Metamorphose eine besondere Rolle. Die Dunkelheit auszuhalten – das Noch-Nicht-Verstehen – ist für Eltern wie Kinder gleichermaßen eine Herausforderung. Ältere Kulturen haben für diesen Zeitraum Übergangsrituale geschaffen, die uns heute fehlen. Susanne Rehm bringt uns diesen Übergang in eindrücklichen Bildern näher.

Uwe Franck ist in Berlin-Schöneberg geboren und auch dort aufgewachsen. Langsam, im Alltag oft unbemerkt verändert sich die Stadt, die eigene Wahrnehmung und auch die Erinnerung. Das Verblassen der Erinnerung war für den Fotografen Anlass, sich mit den Bildern aus seinem privaten Fotoalbum an den Ort der Aufnahme zu begeben und eine neue Fotografie zu machen. Im direkten Vergleich treten fixierte Vergangenheit und die Gegenwart einander gegenüber und bilden einen Kontrast, der unser – an fotografische Bilder geknüpftes Erinnern – reflektiert.

Licht als Phänomen untersuchen Ute Christina Bauer, Türkan Kentel und Sibille Riechardt.

Für Türkan Kentel ist es gerade das Zusammenspiel von Licht und Dunkelheit, das sinnliches Erleben möglich macht. In ihren Bildern, die sie mit Langzeitbelichtung in der Dämmerung fotografiert, führt Begegnung und Durchdringung beider zu einem unglaublichen Form- und Farbenspiel, wie wir es auch aus der Malerei Willam Turners kennen.

Ute Christina Bauer untersucht die Wechselwirkung von Licht und Raum. Licht führt uns in die Tiefe und verliert dabei an Intensität. Hindernisse formen oder reflektieren das Licht. In der Kamera entsteht ein Bild feiner Verläufe und auch harter Kontraste, die auf dem zweidimensionalen fotografischen Bild den Raum wieder erlebbar machen. Für ihre Untersuchung wählte die Fotografin die geradlinige Ästhetik von Betonbauten.

An den Grenzen der Sichtbarkeit beschäftigen sich die Fotografien von Sibille Riechardt mit der Beziehung zwischen Licht und Materie. Sie untersucht Licht als etwas Fließendes, ein Fluidum, das Oberflächen zart berührt und so – eigentlich selbst unsichtbar – nur im Widerschein und als Wirkung sichtbar wird. In zwei Gruppen zeigt sie den Dialog zwischen einem sehr weichen, kaum gerichteten Licht, dessen verminderte Intensität ihm jede erobernde Kraft nimmt, und Wasser- beziehungsweise Wandflächen, über die das Licht streicht. Die Hell-Dunkel-Unterschiede sind minimal und erlauben es doch, die Eigenschaften von Licht und Materie – in jeweils sehr reduzierter Form – zum Klingen zu bringen.

Wie stark Dunkelheit und Licht unsere Wahrnehmung der Welt bestimmen, ist Gegenstand der Arbeiten von Tom Brooks, Angelika Dierkes und Wilfried Püschel.

Tom Brooks fotografiert seine Arbeit El Jardín im Garten einer mallorquinischen Finca. Im Randbereich des verwilderten Gartens sucht er nach Bildern, die ihm etwas vom Unbekannten und Fremden dieses Gartens wiedergeben und entdeckt dabei, welche Rolle das sich im Tagesverlauf ändernde Licht für seine Bilder spielt. In zwei Gruppen mit jeweils sieben Bildern stellt er seine Tages- und Nachtwahrnehmung gegenüber. Obwohl der Blick formal konstant bleibt, ändern sich die Motive und deren Konnotationen. Während die dunklen Bilder sich mit Motiven des Verfalls beschäftigen und doch Stille und Hingabe an das Sein empfinden lassen, zeigen die hellen dem Licht und der Hitze widerstehendes pflanzliches Leben; sie können als Symbole für geschickte Anpassung, List und Überlebensstrategie verstanden werden.

Angelika Dierkes flaniert mit der Kamera durch das nächtliche Berlin. Die Dunkelheit verändert die Erscheinung von Licht und Gegenständen gleichermaßen. Der Alltag und seine Definitionsmacht treten in den Hintergrund und lassen eine andere Wahrnehmung zu. Orte und Dinge scheinen ihrem gewöhnlichen Zweck enthoben, und – befreit davon – etwas näher an ihrer eigenen Existenz. Bis in die frühen Morgenstunden folgt die Fotografin diesen Bildern und fotografiert sie, als Zaungast in der Nacht.

Lichtschaften nennt Wilfried Püschel seine Serie von bei der Aufnahme überbelichteten Landschaften und betont damit ebenfalls die veränderte Wahrnehmung – hier durch einen fotografischen Kniff: Während Materie und Tiefe mit steigender Überbelichtung an Bedeutung verlieren, treten Texturen wie Grashalme, Erdschollen oder Baumrinden und pastellartige Farben in den Vordergrund. Das fotografierte Bild verliert den illusionären Raum und wird zum grafischen Blatt, zur Zeichnung – mit Licht.

Nach dem Sinn urbaner Ausleuchtung fragt Wilhelm Schünemanns Arbeit Das Nachtlicht. Zunächst das Gaslicht, später das elektrische Licht brachte Unabhängigkeit von Sonne, Mond und Feuer. Während die Anfänge städtischer Beleuchtung ihre Motivation in einem Plus an Sicherheit und Mobilität hatten, wurde das Neon-Licht vor knapp 100 Jahren kunstvoll geformt und Teil einer ästhetischen Inszenierung von Modernität, Macht und Größe. Seither ist die Energieeffizienz der elektrischen Beleuchtung in jedem Jahrzehnt gestiegen und hat mit der LED-Technik einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. So wird beleuchtet, was zu beleuchten ist. Wilhelm Schünemann fotografiert nachts an Orten, an denen zu dieser Zeit niemand der Orientierung bedarf. Ein Grund für die Beleuchtung ist nicht zu erkennen. Das Licht wird zum Selbstzweck, zur „schrillen Inszenierung seiner selbst“, wie der Fotograf zu seinen Bildern schreibt, „ohne Zuschauer“ und „gegen alle Vernunft“.

Engere Bezüge zu fotografischen Prozessen finden sich in den Arbeiten von Karin Rasper, Arnaud Roi und André Wulf.

Karin Rasper zeigt mit Heliogravur eine Arbeit, deren Titel sich auf eine Halbton-Drucktechnik, die sich eines fotochemischen Prozesses bedient, bezieht. Dabei wird Silbergelatine durch Belichtung unterschiedlich gehärtet und danach reliefähnlich ausgewaschen. Die Vertiefungen nehmen anschließend Farbe auf und geben sie beim Druck an das Papier ab. Das aus 24 Einzelbildern zusammengesetzte Tableau zeigt Steinoberflächen in grellem Mittagslicht, das die Risse und Erosionen besonders hart und deutlich sichtbar werden lässt. Es scheint beinahe so, als ob die Sonne selbst für diese Spuren verantwortlich zu machen ist.

Eine Hommage an die deutsche Fotografin Verena von Gagern-Steidle bilden die sieben Bilder von Arnaud Roi. Von Gagern-Steidle war nach ihrem Architekturstudium zu Beginn der 1970er Jahre in die USA gegangen und hatte dort intensiven Kontakt zur Fotografie bekommen, die dann zu ihrer Leidenschaft wurde. Schon 1975 bekam sie den großen Preis des ‚Les Rencontres d’Arles‘, einem der bedeutendsten Fotografie-Festivals Europas. Sie hatte Kontakt zur neuen deutschen und österreichischen Fotoszene, der ‚Werkstatt für Photographie‘ in Berlin, den Studenten der Folkwangschule in Essen und dem Fotohof in Salzburg. Die Qualität der Beziehung zwischen Licht und Materie in fotografischen Bildern unterteilte sie in sieben Stufen, für die Arnaud Roi fotografische Illustrationen gefunden hat. Bild und Text schärfen das Bewusstsein für die verschiedenen Eigenschaften von Licht in der Fotografie.

André Wulf nutzt die Langzeitbelichtung, um eine Wechselwirkung zwischen Licht und Materie im Bild darzustellen, die zuvor nicht sichtbar war. Die bewegten Wasseroberflächen verdichten sich zu einem vibrierenden Spiegel und liefern in den ‘Reflexionen’ eine Resonanz zwischen dem feinstofflichen Licht und großstädtischer Architektur.

In ihrer Arbeit Persephone thematisiert Karin Rasper einen Mythos zur Entstehung der Jahreszeiten. Die titelgebende Göttin Persephone wird von Hades in die Unterwelt entführt, wo er sie zur Frau nimmt. Da Demeter, die Mutter Persephones, daraufhin alles Pflanzenwachstum auf der Erde unterbindet und Hungersnöte drohen, muss Zeus eingreifen und einen Kompromiss aushandeln: Für eine Jahreshälfte, den Sommer, lebt die Göttin bei ihrer Mutter Demeter, es ist hell und warm und die Pflanzen wachsen. Das Winterhalbjahr wird von der Fotografin sowohl in Schwarz-Weiß als auch im Negativ dargestellt. Damit bezieht sie sich auf die Unterwelt, das Schattenreich, in dem Persephone das andere halbe Jahr verbringen muss.

Manches, wofür die Griechen in ihren Mythen noch Bilder fanden, ist in modernen Gesellschaften verdrängt worden. Aber nicht nur der Styx trennt eine lichte und eine dunkle Seite. Im Schlaf betreten wir einen Raum, der sich von unserem Tagesbewusstsein unterscheidet. Wo kommt das Licht in unseren Träumen her? Figuren tauchen auf, Räume entstehen und verändern sich scheinbar mühelos, ohne den Gesetzen der Naturwissenschaft oder nachvollziehbarer Logik gehorchen zu müssen. Dieser anderen Realität, deren Wirkungen uns bis weit in den wachen Tag verfolgen können, spürt Annett Wernitzsch in ihrer Arbeit Schlafphase nach.

„Von der Dunkelheit ins Licht“ hieß der dieser Ausstellung zugrunde liegende Projektkurs am Photocentrum. Anders als der Ausstellungstitel gibt er die Richtung einer Bewegung vor, spricht von einem Auftauchen oder Hellerwerden. Die Hoffnung auf Veränderung und Besserung hat sich immer mit dem aufkommenden Licht verbunden. In der Arbeit von Ingo Steinbach geht es um Genesung. Ein Rezidiv wirft den Fotografen aus der Bahn, bringt Ungewissheit, Todesnähe, den Aufenthalt auf Station 4. Nach der OP begleitet der Fotograf die Stationen seiner Genesung mit der Kamera. Sein wieder heller werdender Blick findet neben den ‘lithurgische Gerätschaften’ der Heilung, skurrile Nebenschauplätze, behelfsmäßige Verschönerungen der sterilen Architektur, aber auch sehr viel Licht.

Dank

Zunächst möchte ich den Teilnehmenden danken, die sich mit hohem ideellen und zeitlichen Einsatz, diesem zunächst vielleicht einfach erscheinenden, bei fortschreitender Beschäftigung jedoch stets komplexer werdenden Thema gestellt haben, Mut und Übersicht behalten, und in – wie ich finde – sehr sehenswerten fotografischen Arbeiten ihre Beschäftigung mit Dunkelheit und Licht zu einem Abschluss gebracht haben.

Ich bedanke mich bei der VHS Friedrichshain-Kreuzberg, der Leitung, hier heute vertreten von Frau Dr. Terje Sperling, dem Programmbereichsleiter Peter Lattermann, der sich schon in seinem wohl verdienten Osterurlaub befindet und natürlich allen Verwaltungsangestellten und Kollegen, für die Unterstützung und das positive, vertrauensvolle Klima ohne die so ein engagiertes Projekt wie das Photocentrum der VHS Friedrichhain-Kreuzberg nicht existieren kann.

Zum Schluss geht ein Dank an die Hausherrin, die Gesellschaft für Stadtentwicklung, namentlich Frau Jahnke, dass wir immer wieder in diesen wunderbaren Räumen mit unseren Ausstellungen zu Gast sein können. Und natürlich an Sie, unser Publikum, die Sie an einem Tag, der eigentlich Familie und Freizeit gehört, ihren Weg ins Bethanien gemacht haben, um die hier ausgestellten Fotografien zu betrachten. Die Fotografinnen und Fotografen freuen sich über ihre Fragen und ihr Feedback.

Bleibt mir noch auf die dialogische Führung, unser Künstler*innen Gesprach am kommenden Samstag, dem 7. April um 15 Uhr und auf den von Wilhelm Schünemann und Karins Rasper gestalteten Katalog hinzuweisen, den Sie am Tisch zu meiner Rechten erhalten können.

Ich wünsche uns allen einen anregenden und interessanten Abend.

Berlin, März 2018, Thomas Michalak

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